web 705 (50 x 50) Keiner von uns, AcrLw 2020__ CBsmh+1mg L0,0,97,255.jpg

None of us, 2020, acrylic on canvas, 50 x 50 cm

                       

Raimund Stecker

BILDERGRAUEN – Szenen vom Grauen in grauen Bilderszenen

 

Die Bilder zeigen sich in Grauabstufungen. Weiß der Helle wird grau entleuchtet, Schwarz der Abschattung grau gebrochen, Grau der Leitfarbigkeit unendlich grau variiert. Spontan gesetzt wirkende Grafismen und skizzenhafte Spuren zeichnerischen wie malerischen Suchens geben ihnen szenische Assoziationsbreiten - die Bilder zeigen sich als „Szenen“. Sie stellen womöglich nachgestellte Vorstellungen ins Bild, kaum aber wiedergegebene Wirklichkeiten, eher Imaginationen entlichteter Verdunklungen. Sie genügen sich nie selbst, beispielsweise als Spielflächen virtuoser Künstlerschaft oder als dekordominierte Tableaus. Sie suchen immer den Dialog zwischen künstlerseits Vorgegebenem und betrachterseits Erinnerbarem.

Die von Tobias Brembeck ins Bild gesetzten Szenen spielen in einem analogen Zwischen von Tag und Nacht oder Nacht und Tag, für das es das Wort Dämmerung gibt. Es bezeichnet das Grauen der Nacht oder des Tages, die durch Richard Wagner geschleierte Noch-Anwesenheit der Götter vor einem kathartischen Weltenneubeginn, die atmosphärische Eintrübung oder Eindämmung ehedem besserer Beziehungen und so auch – Dämmerung-Dämmung! - indirekt den Sondermüllwahnsinn subventionierter Bausündencamouflagen für bauphysikalische Billigbauunzulänglichkeiten zu Ungunsten alltagsästhetischer Sensibilisierungen. Und: Dämmerung bringt auch immer das Noch-nicht-Finale auf die Bühne – das noch nicht Spotlight und das noch nicht Lichtaus!  

Ein strahlendes Hell im Inneren lichtet in „Böser Nachbar“ aus dem Jahre 2019 nach außen. Zum Quadrat sich neigende gerahmte Strichelungen erweisen sich als Zeichen für grenzende Zäune. Wessen Castle wessen Home ist, bleibt Geheimnis im bildlichen Grau. Ausgrenzungen und Abgrenzungen geben sich berührungsbefreit die Hand. Semitransparente Zäune mutieren zu Mauern. Die Sucht nach einem privatistischen Cocooning mit professionell verschriebenem Sozialkontakt im Bezahlkommunikationsbetrieb wird anschaulich. Walter Ulbrichts „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“ ertönt in den Ohren von Freisichtfans, denen auf der anderen Seite sehr wohl auch daran gelegen sein mag, die alltäglichen Wahrnehmungszumutungen nachbarschaftlicher Verhaltensweisen nicht gar zu offen präsentiert zu bekommen.

Das Grau in den Bildern Tobias Brembecks gibt so auch einem Grauenhaften und Grauenvollen ihre Erscheinung. Nachts, wenn das Licht schwindet, wenn Rot und Blau und Gelb nicht mehr reflektiert werden, sind bekanntlich alle Katzen grau. Dann verflüchtigt sich mithin der farbige Glanz, fallen die bunten Anstriche, schließen sich die Blüten geschickt gesetzter Akzente zur Überblendung offensichtlicher Disharmonien und benachbarter Unzulänglichkeiten, mutiert mithin Sichtbarkeit zur reinen Form, Schein zum Faktum.

Grau tritt auf – Grau mit seinem ganzen Charisma! Grau ist nämlich nicht nur das Zwischen von Tag und Nacht, sondern auch das Zwischen wie die Summe der Extrema Weiß und Schwarz. Wenn nichts mehr sichtbar wird, weil kein Licht von außen auf gegenständliche Widerstände trifft, ist idealiter alles schwarz. Aber auch wenn zu viel Licht herrscht, wenn ein Übermaß an Licht überstrahlend blendet, verhindert Helligkeit das Sehen von Gegenständen. Dann scheint alles überhell, weiß.

Die theoretische Summe aller Körperfarben ist folgerichtig schwarz, die der Lichtfarben weiß – woraus folgt: Grau ist das notwendig Moderate unserer Sichtbarkeit, Grau ist der Modus unserer sehenden Orientierung, Grau eignet wesenhaft ein Spektrum, Grau ist Maß!

Was schon die Fundamentalisten und Elementaristen der Malerei Robert Ryman und Ad Reinhard, Raimund Girke und Günter Umberg erfuhren: es gibt faktisch weder ein rein weißes noch ein rein schwarzes Bild zur Anschauung zu bringen. Ein extrem weißliches Grau oder ein extrem schwärzliches Grau sind die maximalen Faktizitäten, mit denen sich Kunst dem zu denkenden und dem gegebenenfalls physikalisch zu definierendem Weiß und Schwarz nähern können.

Am Ende solcher Reflektionen über das per se moderate Grau wird „grauenvoll“ nicht mehr nur zu einem Spektrum, sondern zu dem allumfassenden Spektrum schlechthin - und „grauenhaft“ zu einer überkomplexen Wesenseigenheit.

Tobias Brembeck sticht mit seiner hier zu verhandelnden Bilderserie genau in dieses Zentrum. Die einzelnen Bilder sind nicht „nur“ grau, sondern gleichsam umfassend farbig grau. Jedes Bild gibt aufgrund seiner unendlich breiten Komplexität an Graustufen, Grauwerten, Graunuancen, Grautönen, ja: Graugrauen zu denken, dass Weiß und Schwarz auf einer Gerade zwar die weitest entfernten Pole markieren mögen, die, die das gesamte Farbspektrum in ein Empire der Sichtbarkeit klammern. Jedes Bild zeigt aber auch, dass ein Gedankenexperiment notwendig ist: Die konstruierte Gerade, deren Enden Schwarz und Weiß markieren, muss zum Kreis gebogen werden. Schwarz und Weiß werden dann zueinander geführt, treffen hart aufeinander, vereinen sich aber auch, mischen sich und spannen so auf, um das es hier geht: das Spektrum Grau! Der Kreis der Sichtbarkeit wird so um den Bereich der vermeintlichen Nicht- oder Nichtmehrsichtbarkeit erweitert – oder, anschaulich verstanden: weil das Grau im Farbspektrum zwischen Ultraviolett und Infrarot nicht vorkommt, wird halt ein zweites Spektrum aufgespannt: das Empire des Graus!

In diesem Empire spielen die „bösen Nachbarn“ von Tobias Brembeck, die Bilder über die im Halbdunkel sich abspielenden Schattenseiten nachbarschaftlicher Kleingeistigkeit, die dem lichtscheuen Spießerspektrum wohlstandsgesättigter Streitkultur Anschauung verleihen, die nebulöses Licht ins Dunkel abseitiger Besitzstandserotik bringen, die den harmonisierenden Grauschleier kommunarder Vertrautheit durchdringen… - und das unter der Bettdecke einer Malerei der kultivierten Improvisation.

Eine Mülltonne wird in ihnen nicht nur zur Bleibe von Sesamstraßenanwohnern, sondern zum lautstark sich behauptenden Streitsubjekt internachbarschaftlicher Befindlichkeiten. Sie behauptet ihr massiv quadratisch-praktisch-gut stadtmobiliares Home mit Kasimir Malewitschhafter Reminiszenz gegenüber einer semitransparenten Donald Judd-Vision. Abgründe tun sich auf, nachbarschaftliche, die malerisch sublimiert werden – überhöht in eine Malerei, die dem Sujet, den bösen Nachbarn, kulturelle Identität gibt.

Kann negativ sein, was überall anzutreffen ist, und kann betören, was Böses zeigt? Zwei Mal Ja! Die bösen Nachbarn existieren genauso flächendeckend und brandschutzmauernah wie es den visuellen Reiz von Atompilzen, Kriegsbildern, Mordopfern und Verkehrsunfällen gibt. Und es gibt über das reizvoll Narrative hinaus auch noch das bildlich Suggestive! Es hat zu tun mit Bildkomposition, Faktur, Farbauftrag, Materialwahl, Könnerschaft…

Aus dem Malgrund heraus Bilder und Sujets finden… Tobias Brembecks „böse Nachbarn“ geben dies zu ahnen, zu sehen, nachzuvollziehen. Aus einem Grafismus wird ein „Zeichen für“, aus einer innerbildlich skizzenhaften Spur die Umrisslinie für einen außerbildlichen Gegenstand, aus einer paintbrush-Fläche das Volumen für ein räumliches Phänomen. Unser Auge oszilliert fortwährend zwischen Bilddaten und Verweisen. Und dieses Zwischen hört nie auf. Ist man dem Bild entkommen bei den bösen Nachbarn, wird man wieder ins Bild zurückgeworfen, liegt man dann im Bild wieder zwischen Farben, Strichen, Flächen und Spuren, wirft es einen wieder hinaus in die Welt seiner Ausgangsphänomene. Nie sind die Bilddaten mindestens unzweideutig, immer scheinen sie gleichsam automatistisch gesetzt. Nie tritt verbindliche Zufriedenheit ein, glaubt man eine weniger uneindeutige Zuordnung eines Bildelementes zu einem nachbarschaftlichen Bösheitsattribut gefunden zu haben, und nicht tritt der Glaube auf, dass Insbildsetzungen reine Bildbehauptungen sind. Unvordenklichkeiten scheinen faktenrückgebunden.

Welt spannt sich so in Tobias Brembecks Fensterrahmenblicken seiner Leinwandgevierte. Seinem Bildergrau wird ihr Koloristisches, ja ihre Koloratur zurückgegeben, und dem Bildstarren ein Szenisches wie die Szenen nachbarschaftlicher Kleinbürgerlichkeit. Das Grau seiner Malerei erweist sich mithin als allumfassendes Spektrum, ihre Faktur als allbezeichnende Bilderschrift.

aus dem Katalog: Tobias Brembeck, Böse Nachbarn/ On the other side of fence, CONTAINER BOX ArtBooks, 2021

_____________________________________________________________________________________________________________________________________

web IMG_1090.jpg

                       

 

Hear the Wind Sing​

                                                                                                                                       Chae Eunyeoung

                                                                                                                                     Art director, Critic

Things pass us by.

Nobody can catch them.

That´s the way we live our lives.

Haruki Murakami   <Hear the Wind Sing>

As fluffy white clouds like cotton balls in the blue autumn sky slowly move along with the earth behind the wall of the

residency where the Beaufort piece is shining in silver, I was reminded of Murakami´s <Hear the Wind Sing> that portrays a life looking for another path after youth. In <Hear the Wind Sing>, which starts with a sentence "There´s no such thing as perfect writing, just like there´s no such thing as perfect despair," features a writer has been writing stories for 10 years where no one dies and no one has sex.

# Overthrowing Conventional Perception

Tobias Brembeck´s ´Beaufort`piece was inspired by the Beaufort wind scale, which is a scale with 13 ratings - 0 to 12 - that was used in the 19th century by a British admiral named Beaufort before the anemometer was widely used. The audience that became aware of this information assumes that the name of the works, <Beaufort 4>, <Beaufort 5>, <Beaufort (Falls)> and <Beaufort 1 (Early in the morning)>, are related to the wind scale and perhaps move according to the scale. The audience will count the number of poles and aluminium pipes.

Unlike the expectations of the audience, the number in the title is just the number of the pipes, except for the center support. It is not related to the Beaufort wind scale at all. For example, <Beaufort 3> consists of four pipes in total, but, excluding the center pole, the remaining three pipes are connected as flags. As such, the audience´s conventional perception of Beaufort as a standardized wind scale falls into confusion with the work of this artist. However, since the artist is not a scientist or an engineer, he says whether the standard measurement is correct is not important.

The form of the image and the information in the text that is read in the everyday space constitute a visible world based on objective facts and social promises. The artist chooses a scientific measurement unit to overthrow a conventional understanding and evokes invisibility beyond this visible space containing images and text.

# Visualizing an Invisible Space

The Beaufort pieces are installed outdoors. When installed indoors, they just look like installations made from aluminium pipes since there is no wind. The flags connected to the flagpole make the audience anticipate movement. The audience observes this solid, but shiny, object with anxiety, waiting for it to move, but that is impossible when it´s installed indoors.

One of the interesting indoor installations is <Beaufort 1 (Early in the morning)>. When the top and bottom pipes are moved, a silver wire draws a circle and creates a new space. It is regrettable that this variation of the space can be experienced only by the audience and the artist himself for the purposes of the piece´s stability. It is more attractive because it is not a kinetic piece that uses mechanical manipulation or configuration, but visualized as a simple kinetic energy of the human body that changes the position of the pipe and wire.

If recent kinetic installations focus on excessive mechanical devices and dramatic organisation, the Beaufort pieces are made of aluminium pipes and are less likely to move. A wind strong enough to move the Beaufort flags must have quite a fast velocity. A flag that does not flutter and a wind scale that does not follow the scale level show the artist´s thoughts on art and its uselessness.

# Positioning for Self-Velocity

The ´Just Wing It´series is popular nowadays on social media platforms, and the book <I Almost Lived a Busy Life> mentions <Hear the Wind Sing>. It may be a reaction to Korean society becoming embedded with neo-liberalism after a period of compressed modernization, but the velocity of the artist, not only in everyday life, but also under the condition where art is closely related to public capital and this system is the beginning of positioning  for self-potential. The artist recently said that he is striving to apply for support in order to establish an international position and he´s been distancing himself from a series of situations in which he participates in projects.

The Beaufort scale is used for the velocity of wind that moves within a unit time. Velocity is the amount of vector that shows the velocity of an object by measuring the displacement of the position vector that moved within unit time. On the other hand, speed is the distance an object has travelled within a unit of time. Speed only measures how fast, but velocity includes the size and the direction. It´s unclear if this is what the artist intended, but velocity in the Beaufort series is a metaphor for how the artist will establish his self-velocity in the process of self-organisation.

When I saw the Beaufort piece hanging on top of the outer wall, I was reminded of the novelist´s words in <Hear the Wind Sing> where he looks at an ancient tomb and listens to the sound of the wind and feels that everything is becoming one and flowing into the space. In the moment when the shiny silver pipes move swiftly in the blue autumn sky, my heart is waiting for the breeze to embrace me and connect my anticipation to the artist with a different velocity and direction that shows something.

_____________________________________________________________________________________________________________________________________

                       

 

 

 

                       Die Sonne

                                                                                     

 

                       Durch die Logik des Rundseins
                       kreist der Blick rund um die Mitte.

                       Durch die Logik der Schwerkraft
                       sucht das Vertikale das Horizontale.

 

                       Durch die Logik der Farbe strahlt
                       das Gelbe in alle Himmelsrichtungen aus.

                       Durch die Logik des Unvollendeten
                       sucht der Maler die Fülle.

                       Durch die Logik des Sinnlichen
                       füllt der Raum sich mit Wärme

                       und Licht.

                                                                       Jisue Byun                                    

web-Sonne-korrigiert_edited.jpg
bottich_button-grey-fin_edited.png